node created 2019/09/29
Die Generation vor uns hat sich bei uns immer damit entschuldigt, dass sie von dem, was im Faschismus passiert ist, alle gar nicht so richtig gewußt haben, was er wirklich war. Und ich glaube, dass wir, unsere Generation, nicht mehr die Möglichkeit haben wird -- wenn wir zulassen, dass es zum Schlimmsten kommt -- dann werden wir einfach nicht mehr die Möglichkeit haben, der nächsten Generation zu erklären, dass wir von allem nichts gewusst haben; wir wissen heute alle alles.
Mutwilliges Töten unschuldiger Zivilisten ist Terrorismus und kein Krieg gegen den Terrorismus.
"9-11" (2001)
In den Vereinigten Staaten ist das politische System nur am Rande von Bedeutung. Es gibt zwei sogenannte Parteien, aber sie sind in Wirklichkeit Fraktionen der gleichen Partei, der Geschäftspartei. Beide repräsentieren eine Reihe von Geschäftsinteressen. Sie können sogar ihre Positionen um 180 Grad wenden, ohne dass es überhaupt jemand merkt.
Interview mit Adam Jones, 20. Februar 1990
Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.
Verbrecher gehören eigentlich nicht in das Konzentrationslager. Daß sie dennoch eine permanente Kategorie in allen Lagern bilden, ist vom Standpunkt des totalen Herrschaftsapparats aus gesehen eine Art Konzession an die Vorurteile der Gesellschaft, die man auf diese Weise am leichtesten an die Existenz der Lager gewöhnen kann.
"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", S. 657
Jeder mächtige Staat verlässt sich auf Spezialisten, deren Aufgabe es ist, zu zeigen, dass das, was die Starken tun, nobel und gerecht ist, und dass es die Schuld der Schwachen ist, wenn diese leiden. Im Westen nennt man diese Spezialisten "Intellektuelle", und sie, mit kaum nennenswerten Ausnahmen, erfüllen ihre Aufgabe mit großer Fertigkeit und Selbstgerechtigkeit, egal wie lachhaft ihre Behauptungen sind, in dieser Praxis, die sich bis zu den Ursprüngen aufgezeichneter Geschichte zurückverfolgen lässt.
Es war einmal eine glückliche Zeit, als Menschen frei wählen konnten; Lieber tot als Sklav', lieber stehend sterben, als auf den Knien leben. Es war einmal eine verruchte Zeit, als schwachsinnig gewordene Intellektuelle erklärten, das Leben sei der Güter höchstes. Gekommen ist heute die furchtbare Zeit, in der jeden Tag bewiesen wird, daß der Tod seine Schreckensherrschaft genau dann beginnt, wenn das Leben das höchste Gut geworden ist; daß der, der es vorzieht, auf den Knien zu leben, auf den Knien stirbt; daß niemand leichter zu morden ist als ein Sklave. Wir Lebenden haben zu lernen, daß man auf den Knien noch nicht einmal leben kann, daß man nicht unsterblich wird, wenn man dem Leben nachjagt, und daß, wenn man für nichts mehr sterben will, man stirbt, obwohl man nichts getan hat.
Es ist wirklich unglaublich, wie nichtssagend und bedeutungsleer, von außen gesehen, und wie dumpf und besinnungslos, von innen empfunden, das Leben der allermeisten Menschen dahinfließt. Es ist ein mattes Sehnen und Quälen, ein träumerisches Taumeln durch die vier Lebenalter hindurch zum Tode, unter Begleitung einer Reihe trivialer Gedanken.
Die totalitäre Bewegung benutzt die Frontorganisationen als einen Schutzwall, der die Mitgliedschaft, ihren fanatischen Glauben an die ideologische Fiktion und ihre "revolutionäre" Moral gegen den Schock einer noch intakten Außenwelt schützt; gleichzeitig dient die Frontorganisation der Mitgliedschaft als eine genau überwachte Brücke in die Normalität zurück, eine Brücke, ohne welche die Mitglieder vor dem Sieg der totalitären Bewegungen den Gegensatz zwischen ihren Überzeugungen und den Ansichten aller übrigen, zwischen der ideologischen Fiktion und der Realität der normalen Welt allzu scharf empfinden würden. Während des Kampfes der Bewegung um die Macht bewährt sich die Frontorganisation gerade darin, daß sie die Parteimitglieder nicht nur isoliert, sondern ihnen gleichzeitig sich als Normalität darbietet, ihnen ein Falsifikat der Außenwelt gibt, das den Einbruch der wirklichen Welt wirksamer abhält als bloße Indoktrination und Fanatismus. Die deutliche Differenz zwischen seiner eigenen Haltung und der eines Sympathisierenden wird den Parteinazi oder Parteibolschewisten in seinem Glauben an die ideologisch-fiktive Erklärung von Welt und Geschichte gerade darum bestärken, weil der Sympathisierende ähnliche Meinungen in einer noch "normalen" Form hegt. Die Reste von Normalität im Sympathisierenden, seine mangelnde Folgerichtigkeit und ein gewisser Wirklichkeitssinn, der es nicht dazu kommen läßt, ideologische Meinungen in das ihnen inhärente totalitäre Extrem zu treiben, erscheinen dem Parteimitglied als repräsentativ für die gesamte außerhalb der Bewegung stehende Welt. So gewinnt er die Vorstellung, als hätte er in einer weniger konsequenten und konfuseren Weise jeden auf seiner Seite, den die Bewegung nicht von vornherein als den Feind gebrandmarkt hat - den Juden, den Kapitalisten. Durch die Frontorganisationen der Sympathisierenden hindurch erscheint die Welt als voll von geheimen Verbündeten, die nur noch nicht die notwendige Geistes- und Charakterstärke aufbringen können, um die Konsequenzen aus ihren Überzeugungen zu ziehen. Die Frontorganisationen sind die von den totalitären Bewegungen eigens errichtete Fassade einer nichttotalitären Außenwelt. Es ist der Ersatz der Wirklichkeit, der am wirksamsten vor der Wirklichkeit schützt.

Ebenso wirksam nun, wie die Frontorganisationen die Mitglieder über den eigentlichen Charakter der Außenwelt täuschen, täuschen sie die Außenwelt über den eigentlichen Charakter der Bewegung. Die Sympathisierenden, deren alltägliches Leben ja noch innerhalb einer nichttotalitären und nach "normalen" Regeln sich vollzieht, bieten sich natürlicherweise den Blicken der Außenstehenden zuerst dar. Sie machen zumeist noch nicht einmal den Eindruck von Fanatikern und können in jedem Fall den Anspruch erheben, daß ihre Meinung unter anderen Meinungen gehört werde. Es ist in dieser Form einer anscheinenden harmlosen Meinung unter Meinungen, daß die ideologische Fiktion zuerst in dem Meinungschaos der modernen Welt erscheint und in ihm eine erst kaum merkliche Präponderanz gewinnt, bis schließlich in dem eigentlich prätotalitären Stadium alle Diskussionen von totalitären Elementen vergiftet sind. [Das Chaotische dieser prätotalitären Atmosphäre, in der blinde Meinungen sich überall durchsetzen und jegliche dogmatische Verabsolutierung erstmal eine Chance hat, ist in der kleinen klassischen Schrift von Karl Jaspers, Die geistige Situation der Zeit, die 1931 erschien, geschildert.] Diese sind als solche schwer zu diagnostizieren, weil die totalitären Meinungen von Menschen vertreten werden, die subjektiv ehrlich meinen, daß sie eben nur anderer Meinung sind als andere Leute; zudem fällt in dem ohnehin herrschenden Meinungschaos die Absurdität gerade ihrer Meinung kaum auf. Die Sympathisierendenorganisationen hüllen die Bewegung in einen Nebel der Normalität und Respektabilitität und dienen ihnen in doppelter Weise als Fassade: Sie täuschen die Parteimitglieder über den radikalen Bruch, den sie mit der gesamten nichttotalitären Welt vollzogen haben; und sie täuschen die nichttotalitäre Umgebung über die radikale Andersartigkeit und Aggressivität der ideologischen Fiktion.
"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", S. 544 f.
Weisheit ist eine Tugend des Alters, und sie kommt wohl nur zu denen, die in ihrer Jugend weder weise waren noch besonnen.
"Menschen in finsteren Zeiten"
Sollten wir alle bei einer atomaren Massenvernichtung umkommen, so wird das nicht daran liegen, dass der Mensch nicht fähig war, menschlich zu werden, oder dass er von Natur aus böse ist; es wird daran liegen, dass der Konsens der Dummheit ihn daran hinderte, die Wirklichkeit zu sehen und sich dementsprechend zu verhalten.
Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung für das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart und verschlossenen Pforten vergeblich geklopft hat. Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die Türen der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich ausübt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu benötige, so wenig höre ich Musik um der Musik willen.
Januar 1942
Der wahre Grund für die unabwendbare, prinzipielle Überlegenheit aller totalitären Propaganda über die Propaganda aller anderen Parteien oder Regierungen ist, daß ihr Inhalt - jedenfalls für die Mitglieder der Bewegung und die Bevölkerung eines totalitären Landes - nichts mehr mit Meinungen zu tun hat, über die man streiten könnte, sondern zu einem ebenso unangreifbar realen Element ihres täglichen Lebens geworden ist, wie daß zwei mal zwei vier ist. Die Vorteile einer Propaganda, die sich niemals nur auf sich selbst und ihre Argumente verläßt, sondern zu der von vornherein "die Gewalt der Organisation hinzutritt" [aus der Fußnote dazu: "Für totalitäte Zwecke ist es ein Fehler, ihre Ideologie durch Lehre oder Überzeugung zu verbreiten. Sie kann, in den Worten Robert Leys, 'nicht gelehrt' und 'nicht gelernt', nur 'exerziert' und 'geübt' werden."], in der sie durch Gewalt ständig und unmittelbar verwirklicht, was sie sagt, sind so außerordentlich, daß es fast schon eine gefährliche Unterschätzung ihrer Möglichkeiten ist, sie noch mit dem Namen Propaganda zu belegen. Alle bloßen Argumente gegen sie, die ja aus einer Wirklichkeit stammen, welche die Bewegung ohnehin zu ändern verspricht, sind bereits im vorhinein dadurch disqualifiziert, daß die Massen die wirkliche Welt weder akzeptieren können noch akzeptieren wollen. Totalitäre Propaganda ist keine Propaganda im üblichen Sinn und kann daher nicht durch Gegenpropaganda widerlegt oder bekämpft werden. Sie ist Teil der totalitären Welt und wird nur mit ihr zusammen vernichtet.
"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", S. 537
Besser zu durchdenken:
Raabe im Sterben, als ihm seine Frau über die Stirn strich: "Das ist schön."
Der Großvater, der sein Enkelkind mit zahnlosem Mund anlacht.
Es ist unleugbar ein gewisses Glück, ruhig hinschreiben zu dürfen: "Ersticken ist unausdenkbar fürchterlich." Freilich unausdenkbar, und so wäre also doch wieder nichts hingeschrieben.
Tagebuch 20.12.1921
Auf meinem Nachttisch stehen zwei Rosen. An die Stiele und das Blatt, die ins Wasser hängen, haben sich winzige Perlen gereiht. Wie schön und rein dies aussieht, welch kühlen Gleichmut es ausstrahlt. Dass es dieses gibt. Dass der Wald so einfach weiter wächst, das Korn und die Blumen, dass Wasserstoff und Sauerstoff sich zusammengetan haben zu solch wunderbaren lauwarmen Sommerregentropfen. Manchmal kommt mir dies mit solcher Macht zu Bewusstsein, dass ich ganz voll davon bin und keinen Platz mehr habe auch nur für einen einzigen Gedanken. Dies alles gibt es, trotzdem sich der Mensch inmitten der ganzen Schöpfung so unmenschlich und nicht einmal tierisch aufführt. Allein dies ist schon eine große Gnade.
17. Juni 1940
Mein Lieblingswein ist der rote. Habe ich aber keinen, kommt es zu keiner Trauer, dann trinke ich weißen. Habe ich keinen weißen, trinke ich Wasser. Habe ich auch kein Wasser, vergesse ich den Durst. Das sind so die Kunststücke meiner Seligkeit.
"Vom Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben"
Und wisse in Wahrheit, ist dir mehr an deiner eigenen Ehre als an der eines andern gelegen, so ist es unrecht. Wisse, wenn du das deine suchst, da findest du Gott nimmer, wenn du nicht rein Gott suchst. Du suchst etwas mit Gott, und tust gerade so wie wenn einer aus Gott eine Kerze machte, mit der man etwas sucht, und wenn man das Ding findet, so wirft man die Kerze weg. So tust du: was du mit Gott suchst, das ist nichts, Nutzen, Lohn, Innerlichkeit oder was es auch sei; du suchst nichts, darum findest du auch nichts. Alle Kreaturen sind lauter Nichts. Ich sage nicht, dass sie gering sind oder wenig sind: sie sind gar nichts. Wer kein Sein hat, ist nichts. Alle Kreaturen haben kein Sein, denn ihr Sein hängt an der Gegenwart Gottes. Kehrte sich Gott einen Augenblick ab, sie würden zunichte. Ich sprach manchmal und so ist es auch: Wer die ganze Welt nähme und Gott dazu, der hätte nicht mehr als wenn er Gott allein hätte.
"Von guten Gaben"
Wenn ein Gegenstand der Außenwelt dich mißmutig macht, so ist es nicht jener, der dich beunruhigt, sondern vielmehr dein Urteil darüber; dieses aber sofort zu tilgen, steht in Deiner Macht. Hat aber die Mißstimmung in deinem Seelenzustande ihren Grund, wer hindert dich, deine Ansichten zu berichtigen? Desgleichen, wenn du darüber mißmutig bist, daß du dich nicht in einem Tätigkeitskreise befindest, der dir als vernünftig erscheint, warum nicht lieber tätig als mißgestimmt sein? "Aber ein Hindernis, stärker als ich, stellt sich in den Weg." So sei dennoch nicht mißmutig; der Grund deiner Untätigkeit liegt ja dann nicht in dir. "Aber das Leben hat keinen Wert mehr für mich, wenn das nicht ausgeführt wird." Nun, so scheide aus dem Leben, so ruhig, als wenn du es vollbracht hättest; doch vergiß nicht, deinen Widersachern zu verzeihen.
"Selbstbetrachtungen"
Was bedeuten die gestrigen Feststellungen heute? Bedeuten das gleiche wie gestern, sind wahr, nur daß das Blut in den Rinnen zwischen den großen Steinen des Gesetzes versickert.
Tagebuch 19.1.1922
Was muss die Politik jetzt tun?

Sie muss sich schonungslos von Rechtsradikalen abgrenzen. Die Grenze muss schon bei Rassismus gezogen werden. Denn Rassisten haben durch die sozialen Netzwerke das Gefühl, einer Mehrheit anzugehören. Rechtsradikale Ideologien und Rassismus dürfen kein normaler Teil des politischen Diskurses werden. Dafür muss man auch Menschen ausgrenzen.