node created 2019/09/29
Objektivität ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist. Maßgebend für das Gelingen einer Story ist einzig und allein ihr Effekt. Die Forderung nach Richtigkeit geht nicht, wie bei der Nachricht, aus ihrem Wesen hervor: Sie wird von außen an sie herangetragen, ja, genaugenommen kann eine Story gar nicht richtig sein, sondern höchstens die in ihr verarbeiteten Details.

[..]

Der Story-Schreiber bleibt grundsätzlich anonym, er legt die Karten nicht auf den Tisch, er arbeitet aus dem Unsichtbaren. Das rührt nicht von seiner persönlichen Bosheit, sondern von den Gesetzen seiner Form her, die eine ästhetische Form ist. Story ist Fiktion: dementsprechend muß sich ihr Verfasser als Erzähler aufführen, als allgegenwärtiger Dämon, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit, wie nur je ein Cervantes ins Herz des Don Quichotte, ins Herz seines Helden blicken kann. Während aber Don Quichotte von Cervantes abhängt, ist der Journalist der Wirklichkeit ausgeliefert. Deshalb ist sein Verfahren im Grunde unredlich, seine Omnipräsenz angemaßt. Zwischen der simplen Richtigkeit der Nachricht, die er verschmäht, und der höheren Wahrheit der echten Erzählung, die ihm verschlossen bleibt, muß er sich durchmogeln. Er muß die Fakten interpretieren, anordnen, modeln, arrangieren, aber er darf es nicht zugeben, nicht Farbe bekennen, sich keine Blöße geben. Eine verzweifelte Position. Um sie zu halten, sieht sich der Story-Schreiber gezwungen, zu retuschieren, zwischen den Zeilen zu schreiben.
Die Einsamkeit macht uns härter gegen uns und sehnsüchtiger gegen die Menschen: in beidem verbessert sie den Charakter.
Die intellektuelle Tradition ist eine des Buckelns vor Macht, und wenn ich sie nicht betrügen würde, würde ich mich meiner selbst schämen.
Wenn hier auf der Straße Hitler mir entgegenkäme und ich eine Pistole hätte, würde ich ihn erschießen. Wenn es die Männer nicht machen, muss es eben eine Frau tun.
Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen.
Jede menschliche Vollkommenheit ist einem Fehler verwandt, in welchen überzugehen sie droht; jedoch auch umgekehrt, jeder Fehler, einer Vollkommenheit.
Rührt ein Übel von dir selbst her, warum tust du's? Kommt es etwa von einem andern, wem machst du Vorwürfe? Etwa den Atomen oder den Göttern? Beides ist unsinnig. Hier ist niemand anzuklagen. Denn, kannst du, so bessere den Urheber; kannst du das aber nicht, so bessere wenigstens die Sache selbst; kannst du aber auch das nicht, wozu frommt dir das Anklagen? Denn ohne Zweck soll man nichts tun.
"Selbstbetrachtungen"
Ich lege hier für den Fall meines Todes das Bekenntnis ab, daß ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwenglichen Dummheit verachte, und mich schäme, ihr anzugehören.
Wir wollen uns nicht als Märtyrer fühlen, obwohl wir manchmal Grund dazu hätten. Denn die Reinheit unserer Gesinnung lassen wir uns von niemanden antasten. Unsere innere Kraft und Stärke ist unsere stärkste Waffe.
27. November 1937
In den Vereinigten Staaten ist das politische System nur am Rande von Bedeutung. Es gibt zwei sogenannte Parteien, aber sie sind in Wirklichkeit Fraktionen der gleichen Partei, der Geschäftspartei. Beide repräsentieren eine Reihe von Geschäftsinteressen. Sie können sogar ihre Positionen um 180 Grad wenden, ohne dass es überhaupt jemand merkt.
Interview mit Adam Jones, 20. Februar 1990
Der etwas ältere Mensch ist nicht mehr gefährdet durch die Nachstellungen weiblicher Frauen. Weil sie wissen, dass der verstorbene Geschlechtstrieb so leicht nicht mehr zu erwecken ist. Und er selbst, also der ehemalige Sexbereite, vergisst nach und nach seine Sexwilligkeit und erspart sich damit viel Ärger. Wenn er nicht mehr daran denkt, was ihn bis da ja völlig ausfüllte, kann er sich endlich mit vernünftigen Denkthemen beschäftigen. Oder er kann etwas lesen.
BILD (2011)
Jede Hierarchie, und sei sie noch so autoritativ geleitet, und jede Befehlsvermittlung, und seien die Befehle noch so selbstherrlich-diktatorisch erteilt, würden die totale Macht des Führers einer totalitären Bewegung stabilisieren und damit einschränken. Es ist, in der Sprache der Nazis, der dynamische, niemals ruhende "Wille des Führers" (und nicht seine Befehle, denen eine festlegbare Autorität zukommen könnte), der zum "obersten Gesetz einer totalen Herrschaft wird".
"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", S. 539
Was kann man über ein Land sagen, in dem ein wissenschaftliches Museum in einer großen Stadt ein Ausstellungsstück hat, wo die Leute von einem Helikopter aus mit einem Maschinengewehr auf Hütten in Vietnam feuern, mit aufblitzendem Licht, wenn ein Treffer gelandet wird? Was kann man über ein Land sagen, in dem solch eine Idee überhaupt nur in Erwägung gezogen wird? Man muß um dieses Land weinen.
"American Power and the New Mandarins" (1969)
Noch ein weiterer Umstand muß erwähnt werden, der sich für die Nazis und ihren ungeheuer mächtigen Unterdrückungsapparat als günstig erweist: Die Entwicklung der modernen Technik verschafft den Herrschenden, wie man lange ungenügend verstanden hat, einen Vorteil gegenüber den Beherrschten. Je wirksamer die Waffen werden und je weniger man sich gegen sie schützen kann, desto mehr ist der Bewaffnete den Unbewaffneten überlegen. Die Bastille könnte im Zeitalter der Flugzeuge und des Tränengases nicht erfolgreich erstürmt werden. Mit Gewehren ausgerüstete Bürgerwehren haben keine Chance mehr gegen motorisierte Polizeitruppen; es hat keinen Sinn, Barrikaden gegen eine Regierung zu errichten, die über Panzer verfügt. Und nicht nur die Waffenentwicklung begünstigt im Falle einer Revolution die Machthaber, den Staat gegenüber den einzelnen: Die moderne technische Entwicklung und die damit einhergehende ausgeklügelte Organisation wirken in der gleichen Richtung. Der Verkehr hat dazu geführt, daß die Länder klein geworden sind und sich leicht überwachen lassen. Wie viele Verstecke hab es in einem Land vor hundert Jahren! Jede Macht stieß damals gegen natürliche Schranken! Heute gibt es kein Schlupfloch und keinen Schlupfwinkel mehr für den Rebellen. Selbst die Gedanken, die Mauern zu durchdringen vermögen, sind "steuerbar" geworden, da sie an die massenhafte Verbreitung von Nachrichten, an Rundfunk, Film und Presse, gebunden sind. Wie lange wird es dauern, bis jedes Haus sein eigenes Mikrofon hat und jedes private Wort, wie heute jedes Telefongespräch, abgehört werden kann? Der Ameisenstaat ist nahe. Es ist vielleicht kein Zufall, daß solche Staaten wie Deutschland und Rußland die Technik in den Rang einer Religion erhoben haben. Umgekehrt macht diese Entwicklung der modernen Technik die Bewahrung der Freiheit zu einer Menschheitsaufgabe, die dringlicher denn je ist. Aber das führt zu weit ab vom jetzigen Thema.
"Germany: Jekyll & Hyde (1939 - Deutschland von innen betrachtet)" (1940), S. 162

Dialog in hundert Jahren

Der eine sagt:
"Wie schön
das gewesen sein muss
als wir noch an Pest
und an Syphilis
an Scharlach
an Lungenschwindsucht und
an Krebs
an Herzverfettung
und Schlagfluss
verreckten wie Tiere!"
Der andere fragt ihn:
"Sag was waren das, Tiere?"

Über Gebote

Ja, Gebote braucht der Mensch doch wohl um zu überleben
also schafft er ständig neue, sie zu übergeben

an die Welt, die nach ihm sein wird und an seine Erben
denn es lässt sich mit Geboten wirklich leichter sterben

Lernte ich doch in der Schule: Niemand solle lügen
und so war ich völlig sicher: Keiner wird betrügen

Doch im Lauf von dreißig Jahren lernte ich verstehen
Das Gebot kreiert man ja nur, um es zu umgehen

Wasserpredigt - Weingelage, so stehn die Gesetze
Und wer heut Moral noch fordert, ruft schon auf zur Hetze

Darum sah ich mich gezwungen, eigne mir zu schaffen
Zehn Gebote für mein Leben als die letzten Waffen:

Aufrecht steh'n wenn and're sitzen
Wind zu sein wenn and're schwitzen

Lauter schrei'n wenn and're schweigen
Beim Versteckspiel sich zu zeigen

Nie als And'rer zu erscheinen
Bei Verletzung nicht mehr weinen

Hoffnung haben beim Ertrinken
Nicht im Wohlstand zu versinken

Einen Feind zum Feinde machen
Solidarität mit Schwachen

Und ich hab sie nie gebrochen bis auf ein Gebot:
Bei Verletzung wein' ich manchmal, was ich mir verbot
Mit jedem Menschen ist etwas Neues in die Welt gesetzt, was es noch nicht gegeben hat, etwas Erstes und Einziges.
Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.
Weisheit ist eine Tugend des Alters, und sie kommt wohl nur zu denen, die in ihrer Jugend weder weise waren noch besonnen.
"Menschen in finsteren Zeiten"
Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß - bloß theoretisch angesehn - eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den andern erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehn.
Brief an Milena Jesenská, März 1922