node created 2019/09/29

Über Gebote

Ja, Gebote braucht der Mensch doch wohl um zu überleben
also schafft er ständig neue, sie zu übergeben

an die Welt, die nach ihm sein wird und an seine Erben
denn es lässt sich mit Geboten wirklich leichter sterben

Lernte ich doch in der Schule: Niemand solle lügen
und so war ich völlig sicher: Keiner wird betrügen

Doch im Lauf von dreißig Jahren lernte ich verstehen
Das Gebot kreiert man ja nur, um es zu umgehen

Wasserpredigt - Weingelage, so stehn die Gesetze
Und wer heut Moral noch fordert, ruft schon auf zur Hetze

Darum sah ich mich gezwungen, eigne mir zu schaffen
Zehn Gebote für mein Leben als die letzten Waffen:

Aufrecht steh'n wenn and're sitzen
Wind zu sein wenn and're schwitzen

Lauter schrei'n wenn and're schweigen
Beim Versteckspiel sich zu zeigen

Nie als And'rer zu erscheinen
Bei Verletzung nicht mehr weinen

Hoffnung haben beim Ertrinken
Nicht im Wohlstand zu versinken

Einen Feind zum Feinde machen
Solidarität mit Schwachen

Und ich hab sie nie gebrochen bis auf ein Gebot:
Bei Verletzung wein' ich manchmal, was ich mir verbot
Quarantäne-Häuser sprießen
Ärzte, Betten überall,
Forscher forschen, Gelder fließen -
Politik mit Überschall.
Also hat sie klargestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.

Also will sie nicht beenden
das Krepieren in den Kriegen,
Das Verrecken vor den Stränden
und dass Kinder schreiend liegen
in den Zelten, zitternd, nass.
Also will sie. Alles das.
Mit allem sind wir heimlich verschworen. Nur, weil die SS beschlossen hat, daß wir keine Menschen sind, sind die Bäume noch lange nicht vertrocknet und abgestorben. Wenn ich zum Ausläufer des Waldes hinüberblicke und dann den SS-Mann sehe, kommt er mir winzig vor, ebenfalls eingesperrt innerhalb des Stacheldrahts, zu uns verurteilt, eingeschlossen in die Maschinerie seines eigenen Mythos.
"Das Menschengeschlecht"
Seite 64
Man glaubt, daß man sich wünscht, den SS-Mann umbringen zu können. Doch wenn man ein wenig darüber nachdenkt, weiß man, daß man sich irrt. So einfach ist das gar nicht. Man möchte ihn nämlich zunächst einmal mit dem Kopf nach unten aufhängen, die Beine in die Luft. Und sich schieflachen, sich wirklich schieflachen. Jene, die Menschen sind, wir, die wir menschliche Wesen sind, wir möchten auch ein wenig spielen. Wir würden des Spiels schnell müde werden, aber was wir möchten, ist dies: Kopf nach unten, Füße in die Luft. Das möchten wir gern mit den Göttern tun.
"Das Menschengeschlecht"
Seite 111
Er hat viele Richter, sie sind wie ein Heer von Vögeln, das in einem Baum sitzt. Ihre Stimmen gehen durcheinander, die Rang- und Zuständigkeitsfragen sind nicht zu entwirren, auch werden die Plätze fortwährend gewechselt. Einzelne erkennt man aber doch wieder heraus, zum Beispiel einen, welcher der Meinung ist, man müsse nur einmal zum Guten übergehn und sei schon gerettet ohne Rücksicht auf die Vergangenheit und sogar ohne Rücksicht auf die Zukunft. Eine Meinung, die offenbar zum Bösen verlocken muß, wenn nicht die Auslegung dieses Übergangs zum Guten sehr streng ist. Und das ist sie allerdings, dieser Richter hat noch nicht einen einzigen Fall als ihm zugehörig anerkannt. Wohl aber hat er eine Menge Kandidaten um sich herum, ein ewig plapperndes Volk, das ihm nachäfft. Die hören ihn immer...
"Er", 14. Januar 1920
Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, daß sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei.
Auch mir ist manchmal danach zu Mute, die Waffen zu strecken. Aber, allen Gewalten zum Trotz! Es geht ja im Leben immer auf und ab. Man muss nur warten können. Ich werde versuchen, mich nicht mit Träumen zufrieden zu geben, mit Schöngeistigkeit und noblen Gesten. Man darf heute nicht sehr weichherzig sein.
17. Juni 1940
Ich frage mich nur manchmal, ob wohl in früheren Jahrhunderten auch so oberflächlich gedacht und gelebt wurde wie heute. Oder ob allmählich, wenn die Zeit zu zurücksinkt, auch ihr Schlechtes in den Hintergrund tritt und das Gute besonders hell leuchtet? Jedenfalls glaube ich, dass der Einzelne, wie der Ausgang auch sei, zu wachen hat, und erst recht dann, wenn ihm das schwer gemacht wird. Du glaubst doch auch, dass man niemals dies nach oben nivellieren kann, so erstrebenswert dies auch scheint. Wenn schon nivelliert wird, dann geschieht dies immer nach unten. Aber auch hier ist uns vom Schicksal eine glänzende Gelegenheit geboten, uns zu bewähren. Vielleicht sollte man auch das nicht zu gering schätzen.
14. Juni 1940
Unwissenheit degradirt den Menschen erst dann, wann sie in Gesellschaft des Reichthums angetroffen wird.
Die – von den meisten nicht intendierten, aber sich häufenden – Schulterschlüsse der „Antideutschen“ mit Rechten sind unweigerlich eine Konsequenz der inneren Logik ihrer Ideologie. Wer vorgibt, eine Wiederholung von Auschwitz durch neoimperialistische Machtentfaltung, Marktradikalismus, Kulturkampf, die Verherrlichung des Militärs der westlichen Welt und seiner Waffengewalt ausschließen zu können, hat Marx gegen Machiavelli eingetauscht. Wer Juden zwangszionisieren will und jene, die sich weigern, mit Kampfbegriffen wie „selbsthassende Juden“, „Antisemiten“ und „Verräter“ beleidigt, wird in den Armen von Daniela Weiss, Geert Wilders oder noch viel schlimmeren Gesellen aufwachen – wenn er aufwacht. Wer, wie die „Antideutschen“ es tun, den Antisemitismusbegriff bis zur Unkenntlichkeit inflationiert und damit der nach wie vor notwendigen Antisemitismuskritik ihrer Wirkmacht beraubt und die Opfergeschichte des jüdischen Kollektivs schamlos für die Legitimierung von Mord und Totschlag ausbeutet, hat auch nichts anderes verdient.