node created 2019/09/29
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
Was den SPIEGEL angeht, so übersetzt auch er, aber nicht in einfaches Deutsch, sondern in die Masche. Ich pflücke aufs Geratewohl einige Blüten:

Bei der Schlußfeier der XVI. Olympischen Sommerspiele schickten die australischen Salutschützen dem Muskelkrieg von Melbourne ein martialisches Echo nach. Die Artilleristen Ihrer Majestät der englischen Königin lieferten den aktuellen kriegerischen Kulissendonner zu jenem olympischen Schauspiel, das inmitten einer sehr unfriedlichen Welt zum schlechten Stück geworden war Sie kanonierten die wie einen Zylinderhut aufgestülpte Schlußfeier-Stimmung und alle preisenden Reden von der Gleichheit und Brüderlichkeit unter Sportsleuten zu eitel Schall und Rauch.

Einfaches Deutsch?

Wünschen Sie eine detaillierte Analyse? Entfetten wir versuchsweise den Text, massieren wir die geschwollenen Redensarten weg, reduzieren wir die Posen der Syntax, so bleibt kaum mehr übrig als eine Zeile:

Bei der Schlußfeier der Olympiade wurde Salut geschossen. Das hat uns mißfallen.

Hätte der SPIEGEL sich so ausgedrückt, der Leser, der vielbeschäftigte Mann, hätte nicht nur neun Zeilen überflüssiger Lektüre gespart, er hätte auch einen klareren Kopf behalten. Außerdem könnte er die Nachricht von ihrer Auslegung unterscheiden, die mit Hilfe der Masche hoffnungslos miteinander vermanscht werden.
Ehrwürdig ist die Wahrheit; nicht was ihr entgegensteht.
Leute mit Macht verstehen genau eine Sache: Gewalt.
"Understanding Power" (2002)
Dieser - von den Juden her betrachtet (und der wache Christ, der sich selbst ernst nimmt, muß dies würdigen) - größte Raubzug der Weltgeschichte führt das Alte Testament in den Dienst der christlichen Kirche über: Was in über tausend Jahren jüdische Propheten, Priester, Künder, Söhne, Väter des jüdischen Volkes an Gebet, Opfer, Liturgie, Dichtung, Wortaussage geschaffen haben - unter unsäglichen Leiden und Schmerzen, lange vor und lange nach der Babylonischen Gefangenschaft -, wird nun, als Beutegut des "neuen Israel", der Kirche, zum unantastbaren Erbgut der Kirche.
"Gottes erste Liebe"
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.

»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.

Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern daß man nie beginnen wird, zu leben.
"Selbstbetrachtungen"
Vernunft erfordert Bezogenheit und Selbst-Gefühl. Wenn ich nur passiver Empfänger von Eindrücken, Gedanken und Meinungen bin, dann kann ich diese zwar miteinander vergleichen und sie manipulieren, aber ich kann sie nicht durschauen. Descartes leitete die Tatsache, daß ich bin, davon ab, daß ich denke. "Ich zweifle", so argumentierte er, "also denke ich; ich denke, also bin ich." Aber auch das Umgekehrte gilt. Nur wenn ich bin, wenn ich meine Individualität nicht an das Man verloren habe, kann ich denken, das heißt, dann kann ich meine Vernunft gebrauchen.

In engem Zusammenhang hiermit steht der Mangel an Wirklichkeitssinn, der für die entfremdete Persönlichkeit kennzeichnend ist. Wenn man von einem "Mangel an Wirklichkeitssinn" beim heutigen Menschen spricht, so steht das im Widerspruch zu der weitverbreiteten Idee, daß wir uns durch unseren größeren Realismus von den meisten geschichtlichen Epochen unterscheiden. Aber von unserem Realismus zu reden, kommt beinahe einer paranoide Einstellung gleich. Was sind das für Realisten, die mit Waffen spielen, welche zur Vernichtung der gesamten modernen Zivilisation, wenn nicht gar unserer Erde, führen können! Wenn ein einzelner bei so etwas ertappt würde, dann würde er sofort hinter Schloß und Riegel kommen, und wenn er sich mit seinem Realismus brüstete, so würden die Psychiater darin ein zusätzliches, und zwar ziemlich ernstes Symptom einer kranken Seele sehen. Aber ganz abgesehen davon ist unverkennbar, daß der heutige Mensch einen erstaunlichen Mangel an Realismus in bezug auf alle Gebiete, auf die es ankommt, aufweist; in bezug auf die Bedeutung von Leben und Tod, in bezug auf Glück und Leiden, auf Gefühle und ernsthaftes Denken. Er hat die gesamte Wirklichkeit der menschlichen Existenz zugedeckt und durch ein künstliches, verniedlichtes Bild einer Pseudowirklichkeit ersetzt - so ähnlich wie die Eingeborenen ihr Land und ihre Freiheit für glitzernde Glasperlen hergegeben haben. Er hat sich tatsächlich so weit von der menschlichen Wirklichkeit entfernt, daß er mit den Bewohnern von Brave New World sagen kann: "Wenn der einzelne fühlt, gerät die Gemeinschaft ins Wanken."
"Wege aus einer kranken Gesellschaft" (1960)
Ich will einen Streifen Papier
so groß wie ich
ein Meter sechzig
darauf ein Gedicht
das schreit
sowie einer vorübergeht
schreit in schwarzen Buchstaben
das etwas Unmögliches verlangt
Zivilcourage zum Beispiel
diesen Mut den kein Tier hat
Mit-Schmerz zum Beispiel
Solidarität statt Herde
Fremd-Worte
heimisch zu machen im Tun
"Drei Arten Gedichte aufzuschreiben"
Vor allem dürfen wir nicht dem Blick des SS-Mannes begegnen.

Die Feuchtigkeit des Auges, die Fähigkeit des Urteils, das ist es, was zum Töten reizt. Glatt muß man sein, uninteressant, schon abgestumpft. Jeder trägt seine Augen vor sich her wie eine Gefahr.
"Das Menschengeschlecht"
Seite 325
Gott kann, was er will, darum hat er dich sich selbst völlig gleich gemacht und dich zu einem Bild seiner selbst gemacht. Aber »ihm gleich«, das klingt wie etwas Fremdes und etwas Entferntes; darum ist die Seele Gott nicht gleich, sie ist ganz und gar das Gleiche wie er und dasselbe was er ist. Ich weiss und kann nicht weiter, damit sei diese Rede zu Ende.
Abends, halb elf.
Ich schiebe den Marc Aurel zur Seite, ich schiebe ihn schwer zur Seite. Ich glaube, ich könnte jetzt ohne ihn nicht leben, denn schon zwei, drei Sprüche, im Marc Aurel gelesen, machen gefaßter und straffer, wenn auch das ganze Buch nur von einem erzählt, der mit klugem Wort und hartem Hammer und weitem Ausblick sich zu einem beherrschten, ehernen, aufrechten Menschen machen möchte. Aber man muß gegen einen Menschen ungläubig werden, wenn man immerfort hört, wie er zu sich redet: "Sei doch ruhig, sei doch gleichgültig, gib die Leidenschaften dem Wind, sei doch standfest, sei doch ein guter Kaiser!" Gut ist es, wenn man sich vor sich selbst mit Worten zuschütten kann, aber noch besser ist es, wenn man sich mit Worten ausschmücken und behängen kann, bis man ein Mensch wird, wie man es im Herzen wünscht.
Brief an Oskar Pollak, 10. Januar 1904
Das Verlangen nach Gegenliebe ist nicht das Verlangen der Liebe, sondern der Eitelkeit und Sinnlichkeit.
Die intellektuelle Tradition ist eine des Buckelns vor Macht, und wenn ich sie nicht betrügen würde, würde ich mich meiner selbst schämen.
Enttäuschung ist mir eine Beglückung, denn zuvor war ich getäuscht, danach ist die Täuschung aufgehoben.
Interview NEON-Magazin 04/2006
Die Kultur der Terrors zielt darauf ab, die Hoffnungen der Mehrheit auf Alternativen zu den Vorstellungen der Herrschenden zu zähmen.
Auf den Geist muß man schauen. Denn was nützt ein schöner Körper, wenn in ihm nicht eine schöne Seele wohnt.
Das geringste kreatürliche Bild, das sich in dir bildet, ist ebenso gross wie Gott. Warum? Weil es dich eines ganzen Gottes beraubt. Denn wo dies Bild hineingeht, da muss Gott und seine ganze Gottheit weichen. Aber wo dies Bild hinausgeht, da geht Gott hinein. Gott begehrt so gewaltig danach, dass du aus dir selbst, in kreatürlicher Weise, hinausgehst, als ob all seine Seligkeit daran liege. Fürwahr, lieber Mensch, was schadet es dir, dass du Gott gönnest, dass er Gott in dir sei?
"Vom innersten Grunde"
Gerade wie ein Mensch, der gar nichts hat, der kann wohl mild sein, denn er gibt mit dem Willen; jedoch, wenn ein Mensch grossen Reichtum hat und nichts gibt, der kann nicht mild heissen. Und ebenso kann kein Mensch eine Tugend haben, der sich nicht dieser Tugend hingibt, wenn es Zeit und Raum erlaubt. Und darum sind alle die, die sich dem beschaulichen Leben hingeben und nicht äusseren Werken und sich ganz und gar von äusserem Werk abschliessen, im Irrtum und nicht auf dem rechten Weg. Da sage ich, der Mensch, der im beschaulichen Leben ist, kann wohl und soll sich von allen äussern Werken freimachen, solange er im Schauen ist; aber hernach soll er sich äussern Werken widmen, denn niemand kann sich allezeit und fortwährend dem beschaulichen Leben hingeben, und das wirkende Leben wird ein Aufenthalt des schauenden Lebens.
Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biß. Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.
Brief an Oskar Pollak, 27. Januar 1904