node created 2012/08/02
Übrigens ertappe ich mich in der Gefangenschaft immer häufiger beim Zitieren von Sprüchen und Versen aus dem Schatze der Kultur. Früher habe ich solchen Gedankenschmuck geflissentlich gemieden, sobald er in meinem Bewußtsein aufglänzte und sich zur kostenlosen Benutzung anbot. Lieber mühte ich mich um eigene Formung, auch wenn sie viel schwächlicher blieb. Aber jetzt in einsamer Drangsal beglückt mich das Bündnis mit allen großen Geistern, ich leihe mir gern die Hilfe der alten Authoritäten. Man ist nicht mehr einsam, wenn man sich von den Meistern bekräftigen läßt, daß uns das gleiche Erlebnis vereint.
"Kampf um den Kopf" (1948), Seite 61
Es gibt keine Absurdität, die so handgreiflich wäre, daß man sie nicht allen Menschen fest in den Kopf setzen könnte, wenn man nur schon vor ihrem sechsten Jahre, anfienge, sie ihnen einzuprägen, indem man unablässig und mit feierlichstem Ernst sie ihnen vorsagte.
Den gerechten Menschen ist es so ernst mit der Gerechtigkeit, dass sie, gesetzt den Fall, Gott wäre nicht gerecht, nicht eine Bohne sich um Gott kümmerten.
Hast du schon einmal eine abgeschnittene Hand oder einen abgehauenen Fuß oder Kopf, vom übrigen Körper getrennt, daliegen sehen? Gerade so nimmt sich derjenige aus, der über sein Schicksal unwillig wird, sich von anderen absondert oder sich gemeinschädliche Handlungen erlaubt. Du hast dich so gewissermaßen ausgestoßen, von der naturgemäßen Einheit getrennt. Denn als ein Teil warst du ihr einverleibt und hast dich nun selbst davon abgesondert. Aber hier ist es noch bewundernswert, daß du dich mit ihr von neuem vereinigen kannst. Diese Möglichkeit, nach Trennung und Verstümmelung mit dem Ganzen wieder zusammenzukommen, hat Gott keinem andern Teil der Natur verliehen. Erwäge doch die Güte, womit er den Menschen bevorzugt hat. Denn er hat beides in seine Hand gelegt, seine Lostrennung vom Ganzen gleich anfangs zu vermeiden, aber auch nach seiner Trennung sich wieder mit demselben zu vereinigen, sich von neuem ihm einzuverleiben und seine Stellung als Teil wieder einzunehmen.
"Selbstbetrachtungen"
Wer den Swing in sich hat, ob er im Saal steht oder auf der Bühne, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.
Dem verachtetstem Proletarier ist die Vernunft gegeben. Er ist weniger allein als der, der ihn verachtet und dessen Platz immer kleiner wird, der unabdingbar immer einsamer und einsamer wird, immer ohnmächtiger. Ihre Schmähung kann uns nicht treffen, so wenig wie sie den Alpdruck greifen können, den wir in ihrem Kopf verursachen: immer wieder geleugnet, sind wir nach wie vor da.
"Das Menschengeschlecht"
Seite 73
Ein Mittel, durch das sowohl die Spaltung des Selbst als auch Gewalttätigkeit in unserem Leben entstehen und erhalten werden, ist die Abstraktion. Teilweise ist es die Überschätzung der Intelligenz, die zur Glorifikation des abstrakten Denkens - abgetrennt von Leidenschaft, Enthusiasmus und Aufrichtigkeit — geführt hat. Søren Kierkegaard bemerkte 1846, daß wenn die Intelligenz dergestalt überschätzt wird, sie die Wirklichkeit in gleichsam stellvertretende Ideen hinein tramformiert (Kierkegaard, 1962). Diese Verwandlung führt dann dazu, daß Ideen, die von der Logik ihrer eigenen Verhältnisse her als Ideen bestimmt werden, dadurch eine Art höhere »Realität« beanspruchen, die sich von den wirklichen Vorgängen, denen sie entsprechen sollten, weit entfernen kann.

Auf diese Weise wird unser Leben durch eine Logik bestimmt, die wenig mit der Wirklichkeit der menschlichen Leidenschaft, des Enthusiasmus oder der Aufrichtigkeit zu tun hat. Deswegen schrieb Kierkegaard, daß solche abstrakten Vorgänge »die wirkliche Situation in unwirkliche Tricks und Realität in ein Spiel« verwandeln. Die Konsequenzen solcher Vorgänge zerstören unseren Geist und unsere Möglichkeiten als Menschen, gerade weil Abstraktion sich dafür eignet, Gefühle auszufiltern. Dadurch wird die Abstraktion selbst zum Mittel unserer Destruktivität und insbesondere Unserer verleugneten Destruktivität. Indem Ideen Vorgänge vertreten können, ohne die wirklichen Bedürfnisse und Beweggründe in Betracht zu ziehen, verlieren wir den Zugang zu ihnen, und unsere Sicht wird eine reduzierte und eingeschränkte, ohne daß wir uns dessen bewußt sein müssen. Aber eine reduzierte Wahrnehmung — sie mag zwar als wissenschaftlich gelten und dem Menschen kurzfristig Beherrschung und Erfolg bringen — muß unvermeidlich destruktiv auf das Leben wirken.

Einerseits ist es also die Abstraktion selbst, die zur Destruktivität führen kann; andererseits dient sie der Verleugnung jener Destruktivität, die sich unvermeidlich in jedem aufbaut und insbesondere dort, wo man von sich selbst und seinen Gefühlen getrennt ist. Esist ein bösartiger Kreislauf. Jemehr unser Denken von Abstraktionen erfüllt ist, desto weniger Zugang haben wir zur Realität unseres Gefühlslebens und zu seinen destruktiven Ausläufern. Zum Beispiel können wir uns dem »Fortschritt« widmen, ohne merken zu müssen, daß wir da dadurch die Umwelt oder andere Menschen zerstören können. Die Logik der Abstraktion erlaubt uns, unser persönliches Involviertsein von den jeweiligen Resultaten abzutrennen. Es ist alles für den »Fortschritt« oder für die »Sicherung« des Friedens etc. Die Abstraktion dient der Depersonalisation, der Entfremdung von peinlichen und schmerzhaften Gefühlen. Und indem die Gesellschaft solch einen Vorgang (wie den Fortschritt) als erstrebenswert erklärt und dadurch auch jeden, der diesbezüglich Fragen hat, suspekt macht — zum Verräter am Fortschritt — verbirgt die dahinter stehende Ideologie unser Gespalten-Sein. Dadurch wird aus der »Realität« ein boshaftes Spiel: Was dem Menschen wirklich angetan wird, zählt nicht.
"Der Verrat am Selbst"
Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.
Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so groß wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer.
Mit allem sind wir heimlich verschworen. Nur, weil die SS beschlossen hat, daß wir keine Menschen sind, sind die Bäume noch lange nicht vertrocknet und abgestorben. Wenn ich zum Ausläufer des Waldes hinüberblicke und dann den SS-Mann sehe, kommt er mir winzig vor, ebenfalls eingesperrt innerhalb des Stacheldrahts, zu uns verurteilt, eingeschlossen in die Maschinerie seines eigenen Mythos.
"Das Menschengeschlecht"
Seite 64
Diese Gesellschaft braucht Täter wie Wolfgang Priklopil, um dem Bösen, das in ihr wohnt, ein Gesicht zu geben und es von sich selbst abzuspalten. Diese Gesellschaft benötigt die Bilder von Kellerverliesen, um nicht auf die vielen Wohnungen und Vorgärten sehen zu müssen, in denen die Gewalt ihr spießiges, bürgerliches Antlitz zeigt. Sie benutzt die Opfer spektakulärer Fälle wie mich, um sich der Verantwortung für die vielen namenlosen Opfer der alltäglichen Verbrechen zu entledigen, denen man nicht hilft – selbst wenn sie um Hilfe bitten.
Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade.
Mein Augenmerk liegt vor allem auf dem Terrorismus und der Gewalt, die von meinem eigenen Staat ausgeführt werden, aus zwei Gründen. Erstens, weil es den Hauptteil internationaler Gewalt ausmacht. Aber auch aus einem viel wichtigeren Grund; nämlich, dass ich etwas dagegen tun can. Selbst wenn die Vereinigten Staaten für nur zwei Prozent der Gewalt in der Welt verantwortlich wären, wären das die zwei Prozent für die ich vor allem verantwortlich wäre. Und dies ist eine simple ethische Beurteilung. Das heißt, der ethische Wert unserer Handlungen hängt von ihren erwarteten und vorhersehbaren Konsequenzen ab. Es ist sehr einfach, die Abscheulichkeiten anderer zu verdammen. Das hat ungefähr so viel ethischen Wert wie Gräueltaten, die im Achtzehnten Jahrhundert stattfanden, zu verurteilen.
Wenn hier auf der Straße Hitler mir entgegenkäme und ich eine Pistole hätte, würde ich ihn erschießen. Wenn es die Männer nicht machen, muss es eben eine Frau tun.
Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben.
Kann mir jemand überzeugend dartun, daß ich nicht richtig urteile oder verfahre, so will ich's mit Freuden anders machen. Suche ich ja nur die Wahrheit, sie, von der niemand je Schaden erlitten hat. Wohl aber erleidet derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und auf seiner Unwissenheit beharrt.
Es ist typisch für die entmutigende Oberflächlichkeit des heutigen Denkens, daß das Wort "Größe", das eine Quantität und nicht eine Qualität bezeichnet, als ein Ausdruck der Anerkennung, wie zum Beispiel "Schönheit", "Güte", "Weisheit" verwendet wird. Was heute groß ist, wird also fast automatisch als schön und gut angesehen.
"Germany: Jekyll & Hyde (1939 - Deutschland von innen betrachtet)" (1940), S. 20
Wie schwer es sein muss, hier einen Weg zu finden, kommt vielleicht am deutlichsten in der gängigen Redensart zum Ausdruck, das Vergangene sei noch unbewältigt, man müsse erst einmal daran gehen, die Vergangenheit zu bewältigen. Dies kann man wahrscheinlich mit keiner Vergangenheit, sicher aber nicht mit dieser. Das höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen und abzuwarten, was sich daraus ergibt.
Die Funktion der paraprofessionellen Verbände jedoch ist bei beiden totalitären Bewegungen die gleiche. Sie hängt aufs engste mit dem "totalen" Charakter der Bewegung zusammen, die eine Organisation aufstellt, die von vornherein prätendiert, die gesamte Welt, die gesamte Gesellschaft zu repräsentieren. So wie es das ausgesprochene Endziel der Nazipropaganda war und die unausgesprochene Praxis des bolschewistischen Systems ist, nach der Machtergreifung das gesamte Volk als Sympathisierende (aber nicht als Parteimitglieder) zu organisieren, so ist das Ziel der totalitären Bewegung, vor der Machtergreifung den Eindruck zu erwecken, daß man gleichsam komplett sei, das heißt alle Elemente der Gesellschaft in den eigenen Reihen habe. Die Nazis gingen in der Organisation einer kompletten Gegen-Welt vor der Machtergreifung noch einen Schritt weiter als die Bolschewisten und errichteten eine Reihe von Parteiinstitutionen,l die genau nach dem Modell der staatlichen Ministerien gebildet waren. Keine dieser Parteiabteilungen - für auswärtige Angelegenheiten, für Erziehung, Kultur, Sport, und so weiter - hatte rein beruflich ein höheres Niveau als die paramilitärischen Verbände. Alle zusammen bildeten eine vollkommene Scheinwelt, in der jede Realität der nichttotalitären Welt ihre genaue Entsprechung gefunden hatte.

Diese Verdoppelungstechnik, so wertlos für die Machtergreifung im allgemeinen wie die paramilitärischen Verbände, für den bewaffneten Aufstand im besonderen, wurde dann von größter Bedeutung für den sogenannten totalitären Staat. Aber auch vor der Machtergreifung, innerhalb einer nichttotalitären Welt, sind die paraprofessionellen Frontorganisationen von höchstem Wer. Sie dienen nicht nur der Komplettierung der fiktiven Welt der Bewegung, in der alles und alle, vom Straßenfeger bis zum Universitätsprofessor, vertreten sein muß, sie bilden nicht nur unvergleichliche Werkzeuge für die Unterminierung der betreffenden Sektoren einer noch nicht totalitären Gesellschaft und ihres Berufsethos, sondern sie sind, gleich den paramilitärischen Verbänden, aufs genaueste bestimmten ideologischen Massenüberzeugungen angepaßt, durch die sie karikierend das Zerrbild, das die Masse sich von bestimmten Berufsgruppen gemacht hat, in die Wirklichkeit umsetzen. Die Vorstellung, die in einer durch Krisen erschütterten Welt verständlich genug ist, daß die Vertreter des Rechts eigentlich Rechtsbrecher seien, wird entgegengekommen durch eine Organisation von Juristen, die Rechtsbrecher aus Überzeugung sind und das Verbrechen juristisch verteidigen; der Vorstellung, daß Ärzte eigentlich Mörder sind, wird entsprochen durch eine Ärzteorganisation, die alle diejenigen aufnimmt, die bereit sind, ihre eugenischen Prinzipien bis zu der Konsequenz des Mordes durchzuführen; der Vorstellung von der Ignoranz der Gelehrten wird nachgeholfen durch Verbände an den Universitäten, in denen nicht nur Ignoranz zugunsten sogenannter Charaktereigenschaften gepredigt, sondern offen demonstriert wird. Die totalitären Bewegungen, mit anderen Worten, realisieren das Zerrbild, das die heimatlos und asozial gewordenen sich von der Gesellschaft gemacht haben, mit der gleichen Konsequenz, mit der sie die Wahnidee der Weisen von Zion sich zu eigen machen. Die Führer der totalitären Bewegungen, die selbst noch nichtotalitären Verhältnissen entstammen und die geheimen Wünschen der Massen kennen, wissen sehr genau, daß hinter dem Zerrbild vom Rechtsvertreter als Rechtsverdreher, vom Arzt als Mörder, vom Gelehrten als dem Ignoranten der Wunsch steht, das Recht zu brechen, Menschen zu töten und das Wissen aus der Welt zu schaffen. Die totalitären Bewegungen organisieren vor der Machtergreifung alle diejenigen Elemente in den verschiedenen Berufsgruppen, die diesen Massenwünschen bereits entsprechen, und verfügen damit über ein für jede Gruppe in der Gesellschaft spezifisch geeignetes Instrument der Zersetzung.

[..]

Jedenfalls gehört es mit zu der Unterminierungsfunktion der paraprofessionellen Gruppen, die beruflichen Maßstäbe nach Möglichkeit zu senken und das spezifische Berufsethos jeder Gruppe zu untergraben. Die eigentümliche Substanzentleerung, die entweder bereits vorgebildet der Grund und Boden wird, auf dem die totalitären Bewegungen entspringen und gedeihen können, oder als Vorbedingung totalitärer Herrschaft künstlich nach der Machtübernahme hergestellt wird, wird durch die paraprofessionellen Gruppen aufs wirksamste gefördert. Die Tatsache, daß in solchen Verbänden automatisch diejenigen prominent werden, die an ihrem Beruf am wenigsten interessiert oder in ihm am schlechtesten weggekommen sind, ist hierbei sogar von zweitrangiger Bedeutung. Wesentlicher ist, daß ihre politische Schulung gerade darin besteht, ihren sachlich gebundenen und daher notwendig limitierten Vorstellungskreis zu "erweitern", bis sie gelernt haben, in Jahrhunderten und "Kontinenten zu denken". Allgemein gesprochen geht es um die Vorbereitung jener Mentalität, die mit Himmlers Worten "eine Sache nie um ihrer selbst willen tut".
"Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", S. 548 ff.
Du kannst auf dieser Welt nur leben, wenn Du sie zu Deiner Geliebten machst. Sie mit diesen Wundern und Grausamkeiten annimmst und zwischen beiden das Gleichgewicht findest. Sonst wirst Du sie nicht so verlassen können, wie Du es vorhast - laut lachend auf einem silbernen Vogel fliegend und bis zum Rand erfüllt mit allem, was sie Dir zu bieten hatte.
"Wörterbuch der Lebenskunst"